KNP_Logo_Homepage Koordinationszentrum Marburg

Koordinationszentrum MITTE

Philipps-Universität Marburg
Neurologische Klinik mit Poliklinik
Baldingerstraße
35043 Marburg

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Leiterin des Teilprojekts TP0: Patientenregister
Gisela Antony
Dipl-Psych.; staatl. anerk. Wirtschaftsinformatikerin
Tel: 06426-8195940
Email: gisela.antony@med.uni-marburg.de
 

Leiterin des Teilprojekts TP6: Multizenter-Studien
PD Dr. med. Karla Eggert
Tel: 06421-5865 443
Email: eggert@med.uni-marburg.de
 

Leiter des Teilprojekts TP8: Ökonomie
Prof. Dr. med. Richard Dodel
Tel: 06421-5866251
Email: richard.dodel@staff.uni-marburg.de
 

Ansprechpartner für Klinische Studien
Silvia Jung
Tel: 06421-5865 439
Email: jungsi@med.uni-marburg.de

Evelyn Mahla
Tel: 06421-5865 439
Email: mahlae@med.uni-marburg.de
 

 

Rolle der Institution im Kompetenznetz

Das Koordinationszentrum Mitte an der Neurologischen Klinik der Philipps-Universität in Marburg gehört zu den fünf Koordinationszentren des Kompetenznetz-Parkinson und ist zugleich Sitz des Netzwerkssekretariats. Es koordiniert die Tätigkeit der regionalen Zentren Lemgo, Göttingen, Kassel, Bad Nauheim, Hanau und Heidelberg im Rahmen des horizontalen Kompetenznetzes. Zusätzlich fallen alle Aufgaben zum Betrieb des vertikalen Netzwerks an. Schon frühzeitig sollen hierzu Kontakte zu den Praxisnetzen niedergelassener Ärzte hergestellt werden.
Am Koordinationszentrum Marburg sind die Teilprojekte 4 (Früh- und Differentialdiagnostik, Leitung Marburg), Teilprojekt 6 (Multizenter-Therapiestudie, Leitung Hanau), Teilprojekt 7a (Neuropsychiatrische Störungen, Leitung Kassel) und Teilprojekt 8 (Ökonomie, Leitung Marburg) mitbetreut. Auch in den Teilprojekten 1, 3, 5, 7 b, c und 9 werden wir aktiv teilnehmen.
 

Beschreibung der Institution

Klinik: Die Klinik für Neurologie deckt das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen ab. Klinische Schwerpunkte bestehen bei den Bewegungsstörungen (Parkinsonerkrankungen, Dystonien, Restless-Legs-Syndromen), den Epilepsien, der Schmerztherapie, den neuroimmunologischen Erkrankungen einschließlich Multipler Sklerose, den neuromuskulären Erkrankungen (Muskelzentrum Marburg – Gießen ), sowie den neurovakulären Erkrankungen (einschließlich stroke unit). In diesen Teilbereichen bestehen jeweils Teilambulanzen.

Forschung: Die experimentell arbeitende "Forschergruppe Bewegungsstörungen" beschäftigt sich an Tiermodellen des Idiopathischen Parkinsonsyndroms mit neuroprotektiven Substanzen und Neurotransplantation. In der "Arbeitsgruppe Bewegungsstörungen" werden in nationalen und internationalen Kooperationen bildgebende Verfahren zur Differenzierung verschiedener Parkinsonsymptome entwickelt und die Möglichkeiten der tiefen Hirnstimulation sowie der Zelltransplantation bei Morbus Parkinson untersucht. Es werden Schlafstörungen bei Basalganglienerkrankungen erforscht und Multizenterstudien neuer Antiparkinsonmittel koordiniert.
In vitro wird an neuronalen Zellen die Bedeutung neurotropher Faktoren für die Neuroprotektion und die synaptische Plastizität untersucht sowie nach den Ursachen neurodegenerativer Erkrankungen (Neurogenetik, Apoptose) geforscht. Die Arbeitsgruppe Botulinumtoxin erarbeitet neue Anwendungsmöglichkeiten der Botulinumtoxin A-Therapie. In der Gruppe Restless-Legs-Syndrom werden Untersuchungen zur Pathophysiologie und Therapie dieser Erkrankung durchgeführt.
 

Weitere Informationen

Ambulanz Bewegungsstörungen:

PD Dr. Karla Eggert, Oberärztin

Ambulante Diagnostik und Therapie von Patienten mit Bewegungsstörungen. Hierunter fallen insbesondere Patienten mit M. Parkinson, atypischen Parkinson-Syndromen (Multisystematrophie, Progressive supranukleäre Blickparese, Lewy-Körperchen-Krankheit), Patienten mit Tremor-Syndromen, Hydrozephalus malresorptivus etc.

Telefonische Terminvereinbarung für die Ambulanz Bewegungsstörungen:
Montag 10 - 12 Uhr und Donnerstag 13 - 15 Uhr
06421-5865217

 

Ambulanz für Ataxieerkrankungen
Prof. Dr. Katrin Bürk

An der Neurologischen Klinik der Philipps-Universität Marburg werden im ambulanten und stationären Bereich Patienten mit verschiedenen Formen cerebellärer und spinaler Systemdegenerationen betreut. Im Jahr 2006 wurde von Frau Prof. Dr. Katrin Bürk vom Institut für Hirnforschung der Universität Tübingen eine Ambulanz für ataktische Gangstörungen eingerichtet.
Unser Anliegen ist, neben der umfassenden Diagnostik und Therapie auch eine Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung, bei sozialmedizinischen Belangen und bei der Hilfsmittelversorgung zu gewährleisten. Wir wollen unsere Patienten ausführlich über ihre Erkrankung informieren und alle Fragen beantworten, sofern dies nach dem heutigen Kenntnisstand der Medizin möglich ist. Gesprächsangebote für Rat suchende Familienangehörige ergänzen das Angebot. Unsere klinische und wissenschaftliche Tätigkeit wird durch die Deutsche Heredo-Ataxie-Gesellschaft (DHAG) nachhaltig unterstützt.

Wissenswertes über Ataxien

In der BRD wird die Häufigkeit der ataktischen Gangstörungen auf 1:50.000 bis 1:100.000 Einwohner geschätzt. Neben hereditären (= erblichen) Formen kommen sporadische (= nicht erbliche) Erkrankungen vor. 

Die Differentialdiagnose cerebellärer Erkrankungen erfordert neben der bildgebenden Diagnostik Liquoruntersuchungen und elektrophysiologische Messungen (Neurografie, ggf. Elektromyografie). Zur weiteren Abklärung und Unterscheidung der einzelnen Formen ist ein differenziertes Vorgehen in Abhängigkeit von bestimmten Merkmalen wie Erkrankungsalter und klinischen Symptomen erforderlich. Dabei kommt der Labordiagnostik einschl. molekulargenetischer Untersuchungen eine wesentliche Rolle zu.

Sporadische Ataxien

Sporadische degenerative Ataxien des Erwachsenenalters sind Erkrankungen, die sich durch eine fortschreitende Ataxie und einen Krankheitsbeginn im Erwachsenenalter auszeichnen.

Diagnostisch muss zunächst eine symptomatische Ataxie, wie sie z.B. im Rahmen einer chronischen Alkoholkrankheit, einer Glutensensitivität (´Zöliakie, Sprue´), bei bestimmten Tumoren oder auch bei Prionerkrankungen beobachtet wird (s.u.), ausgeschlossen werden. Auch bei unauffälliger Familienanamnese muss dabei an ein erbliches Geschehen gedacht werden, denn etwa 15% aller Patienten mit sporadischer Ataxie mit Beginn im Erwachsenenalter und unauffälliger Familienanamnese haben tatsächlich eine erbliche Ataxieerkrankung. Die Diagnostik sollte also immer auch molekulargenetische Untersuchungen beinhalten.

Symptomatische Ataxien

Alkoholtoxische Kleinhirndegeneration. Eine chronische Alkoholkrankheit kann zu einer Atrophie (Gewebeschwund) des Kleinhirns führen, die klinisch mit einer ataktischen Störung einhergeht. Im Vordergrund stehen dabei eine Stand- und Gangunsicherheit. Die Kleinhirnsymptomatik entwickelt sich typischerweise innerhalb weniger Wochen oder Monate nach mehrjähriger Alkoholabhängigkeit. Neuropathologisch findet sich eine Degeneration v.a. der Kleinhirnrinde im Bereich des Kleinhirnvorderlappens. Neben der direkten toxischen Wirkung des Alkohols wird auch ein Vitamin B1/Thiamin-Mangel als Ursache diskutiert.

Therapie: Unter Alkoholabstinenz und fortgesetzter Vitaminsubstitution kann sich das Krankheitsbild stabilisieren oder auch bessern.

Gluten-Ataxie. Bei 12 - 68 % der Patienten mit sporadischer Ataxie finden sich als Zeichen einer Glutensensitivität Antikörper gegen Gliadin im Blut. Bei diesem Krankheitsbild besteht eine Unverträglichkeit gegen Gluten, einem Eiweißbestandteil der Getreidesorten Weizen, Roggen und Gerste. Die Erkrankung ist eng mit bestimmten HLA Klasse II Allelen assoziiert. Zwischen 80 und 90 % aller Patienten tragen das HLA DQ2 Allel, während sich in den übrigen Fällen das HLA DQ8 Allel findet. Die histologischen Veränderungen der Darmschleimhaut sind meist vom Ausmaß der Glutenbelastung in der Nahrung abhängig. Von der normalen Schleimhaut bis hin zur totalen Zottenatrophie finden sich alle Übergänge. In der Regel lassen sich im Serum nicht behandelter Patienten Antikörper gegen Gliadin (AGA), Endomysium (EA) und gegen die gewebsspezifische Transglutaminase des Darmes nachweisen. Von einer Glutensensitivität wird bei Nachweis zirkulierender Antikörper ausgegangen, während die Diagnose ´Zöliakie´ oder ´einheimische Sprue´ den Fällen mit histologisch gesicherter Zottenatrophie vorbehalten bleiben sollte.

Bei 6 - 8 % der Patienten mit bioptisch gesicherten Veränderungen der Darmschleimhaut  treten Komplikationen von Seiten des Nervensystems auf. In der Literatur finden sich Berichte über Neuropathien, Psychosen und auch dementielle Entwicklungen bei unbehandelter Sprue. Als häufigstes neurologisches Symptom gilt allerdings die ataktische Störung, die als afferente oder auch cerebelläre Störung auftreten kann.

Die Pathogenese der neurologischen Symptome bei der Zöliakie ist bislang unklar. Insbesondere haben viele Patienten mit Ataxie und Glutensensitivität keine typischen Darmveränderungen und weisen auch keine der möglichen Folgen wie eine Störung der Nahrungsresorption oder eine Hypovitaminose auf. Da die intestinalen Manifestationen der Zöliakie Folge eines immunologisch vermittelten Krankheitsprozesses sind, scheint es nahe liegend, dass die neurologische Symptomatik auf ähnlichen Pathomechanismen beruht. Allerdings ist unklar, ob die Immunantwort eher zellulär oder humoral vermittelt wird.  Neuropathologische Untersuchungen deuten auf eine eher zellulär vermittelte Immunantwort hin. So wurden neben einem Verlust von Purkinje-Zellen und einer Degeneration der Hinterstränge T-Zellinfiltrate in Cerebellum, Rückenmark und peripheren Nerven beschrieben.

Therapie. Bei Patienten mit histologisch gesicherten Veränderungen der Darmschleimhaut ist eine lebenslange Gluten-freie Diät indiziert. Erste Befunde deuten darauf hin, dass sich auch neurologische Symptome unabhängig vom Ausmaß möglicher Darmveränderungen unter der Diät bessern können.

Paraneoplastische Kleinhirndegenerationen (PCD)

Manche Tumoren können zu ataktischen Störungen führen, obwohl sie nicht direkt das Kleinhirn betreffen. Dieses Krankheitsbild wird als paraneoplastische Kleinhirndegeneration (PCD) bezeichnet. Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom, Ovarialkarzinom, Mammakarzinom oder Lymphom sind gelegenltlich von diesem Krankheitsbild betroffen. In ca. 2/3 der Fälle tritt die neurologische Symptomatik vor Entdeckung des Tumors auf. Sie entwickelt sich meist subakut; manche Patienten zeigen aber auch innerhalb weniger Tage das Vollbild der Erkrankung. Klinisch findet sich ein die Patienten meist sehr beeinträchtigendes Krankheitsbild mit Stand-, Gang- und Extremitätenataxien und Störungen der Augenbewegungen und des Sprechens (´Dysarthrie´). Veränderungen wie eine Kleinhirnatrophie fehlen zu Beginn der neurologischen Symptomatik und sind durch bildgebende Verfahren in der Regel erst im weiteren Krankheitsverlauf nachweisbar.

Bei mehr als 50% aller Patienten mit PCD können im Serum und Liquor Antikörper nachgewiesen werden, die mit Antigenen des Nervensystems und des Tumors reagieren. Der fehlende Labornachweis dieser Antikörper schließt eine PCD aber nicht aus.

Therapie. Bei Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom kann es nach erfolgreicher Tumorbehandlung auch zu einer Besserung der neurologischen Ausfälle kommen. Paraneoplastische Syndrome anderer Tumorarten haben sich in der Vergangenheit als sehr therapieresistent erwiesen. Gelegentlich wurden aber Besserungen unter immunsuppressiver Therapie beschrieben.

Verwandte Krankheitsbilder sind die paraneoplastische Enzephalomyelitis/sensorische Neuronopathie (PEM/SN), die multiple Regionen des Zentralnervensystems, die Hinterwurzelganglien und das autonome Nervensystem betreffen.

Prionerkrankungen

Die Prionerkrankungen des Menschen kommen als genetische oder sporadische Form vor. Am häufigsten wird die sporadische Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (eine Neuerkrankung pro Jahr pro eine Million Einwohner) beobachtet. Das rasch fortschreitende Krankheitsbild wird durch kognitive Störungen, eine Ataxie, Myoklonien (Muskelzuckungen) und Basalgangliensymptome (Störungen der Bewegungsabläufe) geprägt. Typischerweise tritt die Erkrankung zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr auf. Die mittlere Überlebenszeit liegt bei ca. 6 Monaten. Neuropathologisch finden sich spongiforme Veränderungen, ein Verlust von Neuronen sowie Ablagerungen krankhaft veränderten Prionproteins. Die seltenen genetischen Formen einer Prionerkrankung umfassen die familiäre/genetische Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom (GSS) und die letale familiäre Insomnie (fatal familial insomnia, FFI). Betroffene Patienten erkranken i.d.R. früher als Patienten mit sporadischen Formen (um das 50. Lebensjahr). Erbliche Prionerkrankungen schreiten aber wesentlich langsamer voran und werden daher auch deutlich länger überlebt. Das klinische Erscheinungsbild erblicher Prionerkrankungen variiert zwischen den einzelnen Formen. So steht die Ataxie beim GSS meist ganz im Vordergrund, während sich eine Demenz erst im Verlauf entwickelt. Mutationen im menschlichen Prionprotein-Gen, die zu den jeweiligen Krankheitsbildern führen, lassen sich mit modernen Methoden diagnostizieren.

Therapie. Therapeutische Maßnahmen beschränken sich auf symptomatische Ansätze, eine ursächliche Therapie steht nicht zur Verfügung.

Idiopathische Ataxien

Sind alle bekannten Ursachen einer Ataxie ausgeschlossen, geht man von einer idiopathischen cerebellären Ataxie (IDCA) aus. Diese kann sehr gutartig unter einem rein cerebellären Bild verlaufen. Häufig kommt es aber zu zusätzlichen Symptomen, die nicht im Kleinhirn entstehen (= extracerebelläre Zeichen) Diese uneinheitliche Gruppe von Erkrankungen schreitet meist rascher voran. Einem Teil der Fälle liegt auch eine Multisystematrophie (MSA) zugrunde, die durch starke vegetative Beschwerden (z.B. Blasen- und Kreislaufregulationsstörung) und ein Parkinsonsyndrom gekennzeichnet ist (s.u.).

Multisystematrophie. Der Begriff der MSA wurde 1969 von Graham und Oppenheimer geprägt. Es handelt sich dabei um einen neuropathologisch definierten Begriff, der sich durch das gleichzeitige Vorhandensein neurodegenerativer Veränderungen in Basalganglien, Cerebellum, Hirnstamm und Rückenmark auszeichnet. Die Erkrankung tritt sporadisch auf, beginnt in der Regel nach dem 30. Lebensjahr, verläuft chronisch-fortschreitend und führt zu schweren körperlichen Behinderungen und eingeschränkter Lebenserwartung. Klinisch geht die MSA mit cerebellären Zeichen, Basalgangliensymptomen und schweren autonomen Funktionseinbußen in variabler Kombination einher. Neben der cerebellären Verlaufsform der MSA (MSA-C) gibt es auch Krankheitsverläufe mit zu Beginn im Vordergrund stehender Parkinson-Symptomatik (striato-nigrale Degeneration (SND) oder Multisystematrophie vom Parkinson-Typ (MSA-P)) oder dominierender autonomer Funktionsstörung (Shy-Drager-Syndrom (SDS)). Im weiteren Verlauf entwickelt sich häufig das Vollbild mit Beteiligung aller drei Systeme.

Die Diagnose lässt sich bislang zu Lebzeiten der Patienten nur vermuten. Sie erfordert die feingewebliche Untersuchung des Gehirns nach dem Tode: Die Sicherung der Diagnose ist ausschließlich autoptisch anhand des Nachweises glialer zytoplasmatischer Einschlußkörperchen in großer Dichte in Verbindung mit degenerativen Veränderungen der nigrostriatalen und olivopontocerebellären Bahnen möglich.

Therapie. Es stehen bislang keine ursächlichen Behandlungsansätze zur Verfügung. Gleichwohl sind symptomatische Maßnahmen (wie z.B. Behandlung einer Blasenstörung oder Parkinsonsymptomatik) zumindest zu Beginn der Erkrankung häufig wirksam und bewirken eine Linderung der Beschwerden.

Erbliche (hereditäre) Ataxien

Die häufigsten erblichen Ataxieerkrankungen folgen entweder einem autosomal-rezessiven oder einem autosomal-dominanten Erbgang.  Im Folgenden wird nur auf die in Deutschland häufigsten Formen erblicher Ataxieerkrankungen eingegangen, nämlich auf die autosomal-rezessive Friedreich´sche Ataxie (FRDA) und die Gruppe der autosomal-dominant vererbten Spinocerebellären Ataxien (SCA) und episodischen Ataxien (EA).

Diagnostik. Bekannte Mutationen, die zu ataktischen Krankheitsbildern führen, können mittels molekulargenetischer Verfahren identifiziert werden. So lassen sich mit diesen Methoden  nicht nur bereits erkrankte Patienten sicher diagnostizieren, sondern sie erlauben darüber hinaus auch bereits Jahre vor Beginn der klinischen Symptomatik den Nachweis einer Erkrankungsprädisposition. Diese so genannte prädiktive Diagnostik umfasst mehrere ausführliche Beratungs- und Aufklärungsgespräche über die möglichen Konsequenzen für die persönliche, familiäre, berufliche und soziale Situation der zu beratenden Person und ist auf volljährige Personen jenseits des 18. Lebensjahres beschränkt. Die enge Zusammenarbeit des behandelnden Neurologen und des beratenden Humangenetikers ist Voraussetzung für diese ´vorausschauende´ Diagnostik. Schließlich hat ein positiver Befund in den allermeisten Fällen heute noch keine therapeutische Konsequenz, denn es stehen bislang weder eine kausale Therapie noch vorbeugende Maßnahmen zur Verfügung.

Zwischen dem Beratungsgespräch und der Durchführung der molekulargenetischen Diagnostik sollte eine mehrwöchige Bedenkzeit liegen. Es ist darauf zu achten, dass der Ratsuchende jederzeit die Möglichkeit hat, die Diagnostik auszusetzen oder abzubrechen. Unabhängig vom Ergebnis endet die Begleitung einer asymptomatischen Risikoperson nicht mit der Mitteilung des molekulargenetischen Befundes. Dies erfordert neben einer ausreichenden Erfahrung in der Betreuung von Ataxie-Patienten aufwändige organisatorische Strukturen der betreuenden Einrichtung sowie die optimale Zusammenarbeit der beteiligten Fachdisziplinen, wie sie i.d.R. nur an spezialisierten Zentren zur Verfügung stehen.

Friedreich´sche Ataxie (FRDA). Die FRDA wird autosomal rezessiv vererbt und ist mit einer Prävalenz von 1 : 30.000 die häufigste erbliche Ataxie. Zu den klassischen klinischen Zeichen gehören neben der fortschreitenden Ataxie ein Ausfall der Reflexe der unteren Extremitäten, eine Dysarthrie (Sprechstörung), Sensibilitätsstörungen und ein Erkrankungsbeginn vor dem 25. Lebensjahr.  Diese klinischen Zeichen haben eine hohe Spezifität, sind aber zugleich nicht sehr sensitiv, denn mehr als 30% aller Patienten mit molekulargenetisch gesicherter FRDA erkranken erst nach dem 25. Lebensjahr. Mögliche zusätzliche Erkrankungssymptome sind distale atrophische Paresen, Skelettdeformitäten, eine spastische Tonuserhöhung, Störungen der Augenbewegungen, eine Beteiligung des Sehnerven und des Herzens sowie ein Diabetes mellitus.

Neuropathologisch liegt eine Degeneration von peripheren Nerven, Spinalganglien und Rückenmark vor, während die Veränderungen in Hirnstamm und Kleinhirn oft nur gering sind.

Die FRDA wird in 98% der mutierten Allele durch ein expandiertes Trinukleotidrepeat, bestehend aus der Basenfolge Guanin, Adenin, Adenin, kurz GAA, im Intron 1 des FRDA-Gens auf Chromosom 9q13 verursacht. Bei Gesunden finden sich zwischen 7 und 29, im Krankheitsfall zwischen 66 bis weit über Tausend GAA-Repeats. In den restlichen 2 % der mutierten Allele liegen Punktmutationen vor. Das Genprodukt des FRDA-Gens wird als Frataxin bezeichnet und besteht aus 210 Aminosäuren. FRDA-Mutationen führen auf nicht vollständig verstandene Weise zu einer verminderten Bildung des Frataxins. Die Menge an funktionstüchtigem Frataxin entscheidet über Erkrankungsbeginn und klinische Ausprägung. Frataxin kommt auch in Geweben außerhalb des Nervensystems, wie Herz, Leber, Skelettmuskel, Pankreas und Thymus vor. In den Zellen findet es sich hauptsächlich in den Zellkraftwerken der Zellen, den Mitochondrien. Tatsächlich weisen Herzmuskelzellen von FRDA-Patienten eine erhöhte Eisenkonzentration in den Mitochondrien auf. Die Eisenablagerung führt vermutlich durch freie Sauerstoffradikale zu einer Schädigung besonders energieabhängiger Gewebe.

Therapie. Idebenone (5 mg/kg/Tag) reduzierte in einer Studie an 29 Patienten zwar die echokardiografisch gemessene Myokard-Hypertrophie, beeinflusste aber die neurologische Symptomatik nicht. Mögliche Effekte anderer medikamentöser Therapien (Eisen-Chelatoren, Vitamin E, Koenzym Q10) können nach derzeitiger Studienlage noch nicht abschließend beurteilt werden.

Spinocerebelläre Ataxien (SCA).

Die autosomal dominant vererbten cerebellären Ataxien (ADCA) werden in der molekulargenetischen Einteilung als spinozerebelläre Ataxien (SCA) bezeichnet. In den letzten Jahren wurden mehr als 25 genetische Subtypen bestätigt. Derzeit können einzelne Betroffene auf SCA1, 2, 3, 5, 6, 7, 10, 12, 14 und 17 untersucht werden. Neben den SCAs kommen dominant vererbte Ataxien im Rahmen anderer, sehr seltener Erkrankungen wie der dentato-rubro-pallido-luysischen Atrophie (DRPLA), der Gerstmann-Sträusslerschen Erkrankung (siehe dort) und den episodischen Ataxien (EA) (siehe dort) vor.

Neuropathologisch ist das Kleinhirn verändert während degenerative Veränderungen von Hirnstamm, Basalganglien, Netzhaut und peripherem Nervensystem unterschiedlich stark schwanken. Die verschiedenen SCA-Formen weisen besondere klinische Merkmale auf, die allerdings im Einzelfall fehlen können: so lässt eine Verlangsamung der raschen Augenbewegungen zusammen mit abgeschwächten oder fehlenden MER an eine SCA2 denken, während die SCA1 durch das häufigere Auftreten einer Spastik und einer Schluckstörung gekennzeichnet ist. Bei der SCA3 kommt es nicht selten zu - für den Patienten behindernden - Doppelbildwahrnehmungen und vor allen Dingen bei frühem Beginn zu einer Dystonie oder einer Parkinson ähnlichen Symptomatik. SCA4-Patienten haben häufig starke Gefühlsstörungen, während die SCA5 meist eine auf das Cerebellum beschränkte Symptomatik bietet. Bei der SCA6 finden sich Ataxie, Gefühlssensibilitätsstörungen und Spastik sowie Doppelbildwahrnehmungen. Die SCA7 zeichnet sich durch einen Untergang der Netzhaut mit Nachtblindheit aus.

Insbesondere cerebelläre Patienten mit spätem Erkrankungsbeginn können trotz unauffälliger Familiengschichte an einer SCA - meist SCA6 - leiden.

Bei den meisten der bekannten SCA-Mutationen handelt es sich um ein expandiertes instabiles Trinukleotid-Repeat, das sich aus den Basen Cytosin, Adenin und Guanin, kurz CAG, zusammensetzt. Beginn und Ausprägung der Beschwerden sind von der Länge der Mutation anhängig. Generell gilt: je länger die Mutation, desto früher beginnt und desto schwerer verläuft die Erkrankung.

Die Länge der Mutation unterschiedet sich zwischen den verschiedenen SCA-Typen. Während bei der SCA3, 6 und 7 anhand der Mutationslänge eine klare Abgrenzung zwischen ´gesund´ und ´krank´ gelingt, kann dies bei SCA1 und 2 in einem überlappenden Bereich schwierig sein.

Vergleicht man das Erkrankungsalter innerhalb eines SCA-Stammbaumes, so nimmt dieses in aller Regel von Generation zu Generation ab. Dieses Phänomen wird als Antizipation bezeichnet. Kinder betroffener Männer erkranken oft früher und schwerer als ihre Väter. Antizipation beruht auf der Instabilität der Mutation, d.h. es kann bei der Vererbung an Länge zu- aber auch abnehmen. Letztlich sollen die häufigeren Zellteilungen während der männlichen Spermienbildung diese Instabilität begünstigen.

Sehr wahrscheinlich erlangt das normale Eiweiß infolge der Mutation eine veränderte Struktur, die seinen Abbau in der Zelle behindert. So weiß man, dass es in betroffenen Zellen zu Eiweissablagerungen v.a. im Zellkern kommt.

Die SCA6 nimmt unter den SCA-Mutationen eine Sonderstellung ein. Das SCA6-Gen kodiert Teile eines Ionenkanals, der für das Überleben und die Funktion cerebellärer Zellen sehr wichtig ist. Andere Mutationen in diesem Gen können deshalb auch zu einer Ataxie führen (z.B. familiären hemiplegischen Migräne (FHM), episodischen Ataxie vom Typ 2 (EA-2) (siehe ´episodische Ataxien´))

Therapie. Bislang gibt es keine kausalen Therapieansätze für die SCA. Gelegentlich können  Begleitsymptome wie eine Spastik oder Dystonie symptomatisch gelindert werden.

Episodische Ataxien.

Die EA-2 ist durch ataktische Episoden von 15 Minuten bis zu mehreren Tagen Dauer gekennzeichnet. Diese können durch Stress und physische Anstrengungen ausgelöst werden. Viele Patienten haben auch im freien Intervall gestörte Augenbewegungen und eine Stand- sowie Gangataxie. Bildgebend ist gelegentlich eine wurmbetonte Kleinhirnatrophie nachweisbar.

Therapie. Patienten mit EA-2 können von der Einnahme von 4-Aminopyridin (3 x 5 mg pro Tag) oder Azetazolamid (62,5 – 700 mg pro Tag) profitieren.

Hinweis: Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf vollkommene Aktualiät. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht. Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen kann von den Autoren jedoch keine Gewähr übernommen werden. Jeder Benutzer ist angehalten, durch sorgfältige Prüfung der Beipackzettel der verwendeten Präparate und gegebenenfalls nach Konsultation eines Spezialisten festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierungen oder die Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe abweicht. Eine solche Prüfung ist besonders wichtig bei selten verwendeten Präparaten oder solchen, die neu auf den Markt gebracht worden sind. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers. Die Autoren und die Universität Marburg bitten jeden Nutzer, ihm etwa auffallende Ungenauigkeiten mitzuteilen.

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